Von Hasen, Kreide und Bluteisenstein

In diesem etwas ausführlicheren Beitrag möchte ich ein paar Grundlagen zur Verarbeitung von Hasenleim und der Herstellung von Tempera-Farben zeigen. Der Grund ist ein neues Hobbyprojekt, an dem ich momentan arbeite. Details dazu kommen in einem eigenen Beitrag. Ich möchte anmerken, dass es sich dabei um selbst getestete und aus den gewonnenen Erfahrungen weiterentwickelte Techniken handelt, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Die Inspirationen dazu stammen aus „Der mittelalterliche Reiterschild – Historische Entwicklung von 975 bis 1350 und Anleitung zum Bau eines kampftauglichen Schildes“ von Jan Kohlmorgen, intensivem Austausch mit Bettina Miram Sehner von Blade & Swords, von der ich den größten Teil meines Wissens über MAlerei gelernt habe, und Cennino Cenninis „Libro dell’Arte“ von ca. 1400. Ich habe keinerlei künstlerische Ausbildung genossen, daher sollte alles hier mit einer Prise Salz genommen werden.

Hasenleim
Als Basis für die Verarbeitung von Holz nutze ich üblicherweise Hasenleim (einen Glutinleim). Dieser Heißleim aus den Häuten von Hasen und Kaninchen ist natürlich aufwendiger in der Verwendung als moderner PVA-Holzleim, hat aber einige signifikante Vorteile (abgesehen von der Authentizität). Der für mich größte ist, dass Hasenleim schleifbar ist, sobald er vollständig ausgehärtet ist. Da es sich eben um einen Heißleim handelt, ist er auch rascher fest als wasser- oder losungsmittelbasierter Leim. Da Glutinleim aber auch ein kleines Temperaturfenster zur Verarbeitung aufweist, ist genaue Temperaturkontrolle essentiell. Steigt die Temperatur über 75 °C, dann zersetzen sich die Proteine im Leim und die Klebefähigkeit ist irreversibel verloren. Darum ist das erhitzen im Wasserbad und konsequentes Überwachen der Badtemperatur entscheidend.

Um das trockene Leimgranulat (a) in verarbeitbare Form zu bringen, muss der Leim erst quellen. Dazu wird das Material 1:2 (bezogen auf die Masse) mit Wasser versetzt und für einige Stunden stehen gelassen (b). Ich mache das üblicherweise in einem Honigglas, das ich im Schluss direkt im Wasserbad aufwärmen kann. Als Faustregel nutze ich ca. 100 g Leim pro Quadratmeter. Nach zwei bis drei Stunden sind die Pellets nicht mehr von einander zu trennen, es entsteht eine gallertartige Masse (c). Diese wird dann im Wasserbad langsam auf maximal 70 °C aufgewärmt, dabei verflüssigt sich der Leim und wird hellbraun, klar und dünnflüssig. Nun ist er bereit für die Verarbeitung (d).

Solange der Leim warm ist, kann er gut mit einem Pinsel aufgetragen werden. Der Leim verfestigt sich beim Abkühlen, härtet aber erst vollständig aus, wenn er auch getrocknet ist. Ich nehme üblicherweise das Wasserbad samt Leimgefäß mit zum Werkstück, sodass der Leim länger auf Temperatur bleibt. Sollte er dennoch einmal abkühlen und nicht mehr gut verarbeitet werden können, so hilft erneutes Aufwärmen, um den Leim wieder zu verflüssigen. ACHTUNG: Da Hasenleim mit Wasser schon bei Raumtemperatur aufquillt, müssen damit geklebte Objekte vor Feuchtigkeit geschützt werden!

Kreidegrund
Die Grundlage für eine folgende Bemalung bildet ein Kreidegrund. Dieser besteht im Prinzip aus Hasenleim, der mit Kreidepulver vermischt wird. Zu diesem Zweck bereite ich einen Leim vor, wie oben beschrieben. Dann mische ich fein gemahlene Kreide mit Wasser, bis eine Paste von der Konsistenz von Joghurt entsteht (e). Das braucht etwa ein Verhältnis von 2:1, bezogen auf die Masse Kreide. Dazu nehme ich etwa sechsmal so viel Kreide wie Leimgranulat, es braucht also etwa dreimal so viel Wasser wie Leimgranulat. Generell neigen magere Mischungen, also die mit wenig Leim, dazu, leichter abzubröckeln, fettere, also Mischungen mit viel Leim, neigen aber zu Rissbildung durch die Schrumpfung des Leims. Hier ist also einmal mehr ausprobieren angesagt. Beispiel: Ich nehme 50 g Leimgranulat. Um den Leim herzustellen brauche ich also 100 g Wasser. Dann nehme ich 300 g Kreide und schlämme sie mit weiteren 150 g Wasser auf. Ist der Leim auf Temperatur, dann vermenge ich alles (f).

Das war auch schon alles. Keine Sorge! Wenn der Leim erst einmal ausgehärtet ist, dann wird der Kreidegrund eher naturweiß wirken und nicht allzu braun aussehen. Ersetzt man bis zu einem Drittel der Kreide durch ein Weißpigment (heutzutage Zinkweiß), dann leuchtet der Kreidegrund etwas mehr und spätere Farbschichten wirken strahlender.

Der Kreidegrund kann nun mit einem Pinsel als dünne (!) Schichten aufgetragen werden. Es empfiehlt sich, erst dann eine weitere Schicht aufzutragen, wenn die darunterliegenden Schichten vollständig ausgehärtet sind. Andernfalls kann es zu Rissbildung führen, die zwar nicht problematisch, aber ggf. nicht so hübsch anzusehen sind.

Ist der Kreidegrund vollständig ausgehärtet, dann kann man ihn schleifen. Dazu nutze ich sequenziell feinere Schleifpapiere. Grobes Schleifpapier dient der Korrektur bei ungleichmäßigem Materialauftrag, feine Schleifpapiere sorgen dafür, dass der Kreidegrund seine seidige Oberfläche bekommt. Erst, wenn sich die Oberfläche schon fast weich anfühlt (etwas paradox, wenn man praktisch eine Steinschicht aufträgt, aber verständlich, wenn man Renaissance-Marmorstatuen kennt), ist der Untergrund bereit für die Bemalung.

Temperafarbe
Für die Herstellung einer authentischen Temperafarbe benötigt man Eier, (mineralische) Pigmente, Leinöl und Wasser. Ich nutze für die Tempera nur den Eidotter, das Eiklar kann man später noch als eine Art Firnis benutzen. Die Pigmente müssen fein gemahlen vorliegen, um gut im restlichen Medium verteilbar zu sein. Mein Lieblingspigment ist das rote Eisenoxid Hämatit, Bluteisenstein, aber auch Ocker und Ruß sind historische Pigmente, die sogar recht günstig sind. Abstriche hinsichtlich der historischen Genauigkeit mache ich bei giftigen Materialien. So nehme ich z.B. Zink- statt Bleioxid für weiß.

Zu Beginn trenne ich den Dotter vom Eiklar und lasse dann den Dotter aus dem Dottersack (g), da diese Membran im Medium stören würde. Dazu sammle ich den Inhalt in einem verschließbares Glas. So kann ich den Dotter ein paar Tage im Kühlschrank lagern, falls ich nicht alles sofort verbrauche. Das gleiche gilt natürlich für das Eiklar.

Um eine Farbe herzustellen lege ich etwas Dotter in einer Schale oder einer Palette vor und rühre ein wenig Pigment ein. Leinöl und Wasser wird dazu getropft und eingerührt, um die Farbe geschmeidig zu machen (h). Auf diese Weise können je nach Mischungsverhältnis entweder Lasuren (mehr Wasser) oder recht opake Farben (mehr Öl) angerührt werden. Sollte sich das ganze entmischen und Fettaugen erkennbar werden, dann muss etwas Dotter hinzugefügt werden. Dieser fungiert als Emulgator und stabilisiert die Farbe. WICHTIG: Unbedingt sogenannte trocknende Öle (also solche, die bei Sauerstoffkontakt polymerisieren und sich so verfestigen) benutzen. Sonst wird die Farbe nie trocken und irgendwann sogar ranzig. Leinöl bietet sich dafür an.

Tempera ist nach dem Aushärten wasserfest, fühlt sich aber je nach verwendetem Ölanteil sehr lange etwas wachsig an (i).

Eikläre
Als eine transparenter Schutzfilm über der Bemalung dient aus dem Klar der Eier hergestellte Eikläre. Dazu schlage ich das Eiklar zu einem Schnee auf, überführe diesen in ein Sieb und hänge das Sieb in einen Topf (j). Nun heißt es warten. Der Schnee fällt wieder zusammen und die festen Bestandteile verbleiben im Sieb. Die eigentliche Eikläre sammelt sich im Topf darunter. Diese ist recht verderblich und sollte nicht zu lange aufbewahrt werden.

Ich male eine dünne Schicht davon über die bereits vollständig getrocknete Tempera und freiliegende, geleimte Stellen, um so eine Schutzschicht aufzubringen und so das Werkstück zu versiegeln. Außerdem verleiht es der darunterliegenden Farbe einen hübschen Glanz (k). Wie auch die Tempera ist einmal getrocknete bzw. ausgehärtete Eikläre wasserfest.

So, das war’s für diesen Beitrag der etwas anderen Art. Ich hoffe, einen Einblick in historische Techniken und deren Reenactment-Anwendung gegeben zu haben und freue mich wie immer auf Rückmeldungen und Kommentare dazu 🙂

Hinterlasse einen Kommentar