Wie oft liest und hört man es in entsprechenden Kreisen: „Schwerter sind Seitenwaffen, Schlachten wurden mit Speeren geschlagen, die Primärwaffe war der Spieß“ etc? Diese und ähnliche Aussagen können wertneutral, apologetisch oder ironisch formuliert sein, doch die ihnen innewohnende Wahrheit wird im modernen HEMA selten irgendwie weiter aufgegriffen, als darüber zu reden. In meiner Bestrebung, eine ritterliche Kampfkunst des 15. Jahrhunderts besser zu verstehen, beschäftige ich mich nun schon seit einiger Zeit mit dem Wechsel von Waffen in der gefechtsmäßigen Bewegung.
Die weitest verbreitete Seitenwaffe (und im modernen HEMA meist die einzige) ist der Dolch. Auf Grund seiner Kürze ist er rasch und einfach zu ziehen – besondere Techniken sind dafür nicht erforderlich. Historische Abbildungen zeigen eine Reihe von Trage- bzw. Führweisen von Dolchen, oft werden sie aber wohl auch einfach ignoriert und gar nicht dargestellt. Während man im ungerüsteten oder sogar zivilen Umfeld den Dolch links oder rechts, hinten oder vor dem Körper findet, zeigt die Mehrheit der von mir durchforsteten Abbildungen für den gerüsteten oder militärischen Einsatz den Dolch entweder an der rechten Seite oder hinter dem Rücken, mit dem Griff nach rechts. Als Grund vermute ich, dass es keinen Vorteil bringt, diese Waffe quer vor dem Körper zu ziehen. Im Gegenteil sind die Wegstrecken länger und die Waffe befindet sich sogar noch eine Zeit lang blank direkt vor dem Oberkörper, ohne auf den Gegner ausgerichtet zu sein. Die Führweise an der rechten Hüfte oder hinten mit dem Griff nach rechts hingegen bietet eine Reihe von Möglichkeiten, den Dolch im verlängerten Griff (also mit der Spitze vor dem Daumen) oder im verkürzten Griff (mit der Spitze vor dem kleinen Finger) zu ziehen. Als Beispiel zur Trageweise von SChwert und Dolch hier eine Darstellung aus der Gladiatoria (MS U860.F46 1450 01v):

Im Gegensatz zum Dolch wird das Schwert (oder Messer) grundsätzlich an der linken Hüfte geführt. Diese Tatsache lässt sich durch die Art und Weise erklären, wie eine Blankwaffe ab einer gewissen Klingenlänge schräg über die Diagonale gezogen werden muss. Für ein gerades Ziehen nach vorne reicht die Armeslänge kaum noch sinnvoll aus. Da sich die durch diese Art zu ziehen die Hände und Klinge vor dem eigenen Körper vorbei bewegen, sind auch die Risiken etwas größer, dass die Aktion von einem sehr nahen Gegner verhindert wird. Diese Art der Intervention durch einfaches Festhalten finden wir z.B. bei Fiore (besonders gut dargestellt in der Pisani Dossi Handschrift auf Carta 35b). Der Schüler mit dem Schwert befreit sich und seine Waffe jedoch durch seinen Schritt nach hinten, die Rotation des Körpers und das Ziehen des Schwertes weg vom Angreifer (rechtes Bild):

Die letzten Darstellungen zeigen schon recht deutlich, wie das Ziehen der Waffen funktionieren kann. Selbst wenn die Abbildungen hier das Schwert nicht am Gürtel zeigen, wird das Grundproblem offenbar. Die Länge der Klinge erfordert es, die Schwertscheide mit einer Hand zu halten und mit beiden Armen eine gegenläufige Bewegung der Arme (zum Teil unterstützt durch die Körperdrehung, bei Fiore: Volta) auszuführen. So wird gewissermaßen mit dem linken Arm die Scheide gegen Bewegung gesichert oder sogar etwas nach links gedrückt, der rechte Arm zieht das Schwert quer vor dem Körper nach rechts. Die Körperdrehung ermöglicht einerseits eine leichtere Ausführung, andererseits entfernt sich so das Gehilz vom Gegner, anstatt sich direkt auf ihn zuzubewegen. So werden die oben genannten Risiken minimiert.
Andere Handwaffen finden wir üblicherweise nicht als Seitenwaffen in den Quellen zur ritterlichen Kampfkunst. Große Waffen wie Speere, Mordäxte und Schlachtschwerter werden üblicherweise in den Händen bzw. auf der Schulter getragen, bevor sie zum Einsatz kommen – sie sind tatsächlich Primärwaffen.
Meinen praktischen Zugang dazu werde ich in einem zukünftigen Beitrag ein wenig vertieft darstellen, fürs Erste muss die Theorie dahinter reichen. Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen und bin schon sehr gespannt, ob das etwas ist, was euch ebenso fasziniert wie mich, ob es etwas ist, das euch noch gar nicht in den Sinn gekommen ist 🙂