Asymmetrische Kampfführung

Zugegeben, der Titel vermittelt möglicherweise eine andere Vorstellung, als ich hier beabsichtige, doch zu einem guten Zweck. Denn das Erzeugen einer Asymmetrie ist in Kampfsituationen meist eine gute Idee. Sich unter absolut gleichen Bedingungen mit jemandem zu messen führt mit größter Sicherheit zu einem zufälligen Ergebnis. Indem man die eigenen Stärken maximiert, die Fähigkeiten des Gegners gut einschätzt, das Gelände geschickter nutzt, Strategie und Taktik anpasst etc., kann man asymmetrische Situationen erzeugen, in denen die Wahrscheinlichkeit eines positiven Resultats erhöht wird. Während einiges davon stark nach Kriegskunst (schon wieder eine dieser Künste) klingt, hat anderes viel direkter mit der Körperlichkeit des Kampfes zu tun und findet sich daher auch schon in verschiedenen Fechtbüchern des späten Mittelalters. Der Schwerpunkt dieses Beitrages soll nun auf der Asymmetrie der Poste bzw. Guardie in Fiore dei Liberis Armizare liegen, sowie auf deren körpermechanischen Grundlagen und den Einflussfaktoren der Bewaffnung auf die Art des Fechtens.

Die Poste bzw. Guardie bei Fiore fallen für diese Betrachtung in zwei Kategorien: die beidseitigen und die einseitigen Huten (man verzeihe mir diese Vereinfachung des Begriffs). Als beidseitige Huten bezeichne ich hier jene, welche auf beiden Seiten der Zentrallinie eingenommen und damit quasi gespiegelt werden können. Dies sind im Schwert z.B. die Posta di Donna la Destraza (a) und die Posta di Donna la Sinestra (b). Einseitige Huten sind für mich jene, die nicht auf beiden Seiten eingenommen werden, sondern nur auf einer existieren. Im Schwert sind das z.B. die Posta di Tutta Porta di Ferro (c) und die Posta di Dente di Zenghiaro (d).

Über die Gründe, warum hohe Huten meist beidseitig existieren, tiefe jedoch nicht, ist bereits von anderen Fechterinnen und Fechtern viel spekuliert worden. Für mich ist das überzeugendste Argument jedoch nach wie vor die stabilere Kraftübertragung bei Angriff und Verteidigung, wenn man es vermeidet, die Arme beim Treffen oder Kontakt der Waffen zu überkreuzen. So können beide Arme zu gleichen Teilen an der Aktion mitwirken und kommen sich nicht so leicht in die Quere (im wahrsten Sinne des Wortes). Bei Fiores Armizare finden wir eine Reihe von Hinweisen, dass die einzelnen Waffen weniger für sich stehen, als vielmehr ein System abbilden, das ohne Rüstung, teilgerüstet und im vollen Harnisch funktionieren soll. Zwar gilt das nicht für alle Techniken im selben Umfang, aber nichts scheint exklusiv zu sein. Mein nächster Gedanke, warum die tiefen Huten nicht auf beiden Seiten gleich funktionieren, hat direkt mit der Vorstellung zu tun, dass es sich um ein System handelt, welches den Waffeneinsatz in einer Vielzahl von Situationen vorsieht: vom Fechten mit einer Waffe, über das Fechten mit zusätzlichen gegürteten Waffen, bis zur asymmetrischen Situation von ungleicher Bewaffnung oder gar mehreren Gegnern (das sollte ein Thema für einen späteren Beitrag werden).

Wie die untenstehenden Bilder zeigen, so kann gerade bei tiefen Huten eine Kollision der Arme oder bereits genutzten Waffe mit den noch am Gürtel befindlichen Waffen (typischerweise Schwert und Dolch) nicht ausgeschlossen werden. Diese Kollisionen können behindernd wirken oder gar zum Verlust einer oder mehrere Waffen mitten im Gefecht führen! Fiore dei Liberis Armizare scheint hier entgegenzusteuern, indem Huten, bei denen das passieren kann, vermieden oder modifiziert werden. Die Darstellungen der Posta di Donna im Schwert (a und b) zeigen, dass sekundäre Bewaffnung mit hohen Huten nicht interferiert. Die tiefen Huten Coda Longa a una Mano (c), Tutta Porta di Ferro (d) und Dente di Zenghiaro (e) führen das Schwert jeweils mit den Händen vor dem Dolch, um so den Kontakt bzw. ein versehentliche Verhaken zu vermeiden. Beim Schwert im Harnisch erfolgen Stiche meist mit Vorstellschritten, ein Hängenbleiben mit dem Kreuz aus der Posta Breve la Serpentina (f) ist also unwahrscheinlich. Aktionen, welche die Linie queren (z.B. defensive Manöver oder Schläge mit dem Gehilz) stellen wohl auch kaum Risiken dar. Das gilt sowohl für Bewegungen aus der Richtung des Dolchs (f), als auch in Richtung des Dolchs, wenn Beispielsweise aus der Posta di Crose Bastarda (g) geschlagen wird. Kommt eine weitere Waffe wie die Axt oder der Speer dazu, so muss man natürlich Dolch und Schwert Rechnung tragen. Hier gilt prinzipiell das gleiche wie beim Schwert im Harnisch: stechen mit Vorstellschritten, Schlagen mit Passierschritten. Während die Posta Breve la Serpentina (h) hier nur mit dem Dolch zu tun hat, ist die Posta di Vera Crose (i) wahrscheinlich etwas herausfordernder.

Auf den folgenden Bildern habe ich meine Versuche dokumentiert, die genannten Huten in der freien Bewegung zu erproben. Dabei geht es mir nicht um eine authentische Ausrüstung oder gar eine sklavische Nachstellung von Abbildungen, sondern um das generelle Erleben und Erfahren von Bewegungseinschränkungen mit Dolch, Schwert und Axt bei fechterischen Manövern wie Hieben, Stichen, Deckungen und Waffenwechseln.

Bei diesem kleinen Versuch wurde mir deutlicher, warum einige Huten so aussehen, wie sie aussehen. Grundsätzlich beeinträchtigen die gegürteten Waffen die Beweglichkeit kaum. Lediglich die tiefen Huten zum Stich neben dem Körper (in den Beispielen sind das Posta Breve la Serpentina mit Schwert und Axt) sind, wie oben bereits erwähnt, etwas riskanter. Das ist mir besonders beim Schwert aufgefallen, da dieses leichter mit der Kreuzstange am Dolch hängenbleibt als die glatte Stange der Axt.

Das war’s jetzt aber für heute. Ich hoffe, meine grundlegenden Ideen zur Asymmetrie ein wenig verdeutlicht zu haben, und würde mich freuen, wenn ihr euch an diesem spannenden Thema beteiligen und mir schreiben würdet. Bis zum nächsten Mal 🙂

Hinterlasse einen Kommentar