Zu Fuß und zu Ross – erste Versuche

Die berittene Kampfführung ist eine der Kerndisziplinen des gerüsteten Reiters im Spätmittelalter. Dazu gehören das eigentliche Gefecht im Verband mit anderen Reitern, das Erkunden der Gegend, Überfälle und Verfolgungen sowie andere Dinge, die Mobilität und Überblick erfordern. Auch der Zweikampf zu Ross war ein zentrales Element des ritterlichen Selbstverständnisses. Die Fechtbücher jener Zeit vermitteln einen Eindruck von den Techniken und Taktiken in diesen Situationen und ermöglichen so die Rekonstruktion dieser Kampfkunst. Dank Susanna und ihrem großartigen Sleipnir konnten wir unlängst erste Einblicke in dieses neue, faszinierende Kapitel der europäischen Kampfkünste gewinnen. Auch wenn ich selbst (noch 🙂 ) nicht reiten kann, so konnten wir dennoch grundlegende Manöver ausprobieren und die Tiere ein wenig kennenlernen.

Die Grundlage bildete das Tauschen des Stichs nach Fiore dei Liberi. Dabei wird ein gegnerischer Stich mit einem eigenen gekontert – perfekt, um einen Lanzenstoß mit dem Speer zu beantworten. Dabei ist es relevant, auf welche Seite die Lanze abgewiesen wird. Erfolgt die Verteidigung in die falsche Richtung, wird man zwar nicht von der Spitze getroffen, befindet sich dann aber zwischen der Lanze und dem angreifenden Pferd. Selbst gegen einen Reiter im Schritt ist diese Situation nicht zu halten.

In unserer Trainingssituation haben wir die Lanze daher nach rechts abgewiesen, um vom Pferd wegtreten zu können, wie auf den Bildern unten zu sehen ist. Als Fußkämpfer ist es nicht einfach, selbst zu treffen: Stabile Überbindungen sind aufgrund des Größenunterschieds kaum möglich und die Kraft des Pferdes wirkt selbst bei langsamen Geschwindigkeiten deutlich mit. Wie mir ein Workshop 2017 in Dijon gezeigt hat, wäre es zwar grundsätzlich möglich, das Pferd anzugreifen. Allerdings exponiert man sich dabei selbst sehr, was in den seltensten Fällen sinnvoll erscheint.

Ich (gelb, zu Fuß) erwarte Susannas Lanze, um sie mit meinem Speer nach rechts aus der Linie auszuschlagen (a). Ich weiche nach links aus, doch Speer rutscht in die Stärke ihrer Lanze. Selbst die beidhändige Führung erlaubt mir nicht mehr, die Spitze zu platzieren. Ihre Spitze verfehlt mich ebenfalls -immerhin (b). Nun drängen Susanna und Sleipnir auf mich, unsere Waffen sind weitestgehend nutzlos (c). Ich weiche zurück, nicht in der Lage, mich in dieser Situation zu halten (d).

Persönlicher Höhepunkt war dann, einen kurzen Schlagabtausch zu Pferd durchzugehen! Auch wenn ich dabei recht immobil bin (eigentlich sitze ich nur), vermittelt das schon einmal die Grundproblematik, dass sich die Distanz kontinuierlich verkürzt. Anders als im Fechten am Boden kann man hier nicht einfach Abstand halten – man kommt sich erst näher, dann passiert die Klingenaktion, dann entfernen sich die beiden Kombattanten wieder voneinander, wie man unten schön sieht.

Hier kommt es bei der Annäherung zum Klingenkontakt (a), dem ich unter Druck nachgebe (b). Ich verbleibe an der Klinge, um mich zu schützen, während Susanna vorbeireitet (c). In dem Moment, in dem der Druck ihrer Klinge nicht mehr gegen mich gerichtet ist, löse ich die Anbindung und schnappe um ihre Klinge herum, um sie am Hinterkopf oder Nacken anzugreifen, während sich die Distanz wieder vergrößert (d).

Zusammenfassend kann ich sagen, dass diese Gelegenheit nicht nur sehr großen Spaß gemacht hat (nochmals vielen Dank dafür), sondern ebenfalls äußerst bereichernd für mein Verständnis spätmittelalterlicher Kampfkünste war. Hoffentlich können wir da mehr davon machen 🙂

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