Historische Vorbilder und Inspiration

Die Rüstung ist momentan in Arbeit, daher möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Worte zu Gestaltung und Erscheinungsbild zu verlieren. Wenn es dann Vorzeigbares gibt, wird sich zeigen, ob der Plan beibehalten wird.

Vorlage 1: Talhoffer und Bellifortis

Die primäre Vorlage findet sich in Hans Talhoffers Fechtbuch von 1459 (MS Thott.290.2º) im Bellifortis-Teil. Neben einer Reihe von fantastisch anmutenden Gerätschaften findet sich auf Folio 35v die Darstellung eines Duells im Harnisch. Der linke Kämpfer trägt eine moderat geflutete Rüstung mit Schwebscheiben, die Tendenz zum massiv dekorierten spätgotischen Stil ist zu erahnen. Der Kopf wird durch eine Schaller geschützt, welche ohne den geschobenen Nacken späterer deutscher Modelle ausgeführt ist. Ein aufschlächtiges Visier mit inkludiertem Sehschlitz bedeckt die obere Gesichtshälfte. Die untere wird durch einen Bart geschützt, der mit einer Feder oder einem Stift an der Harnischbrust fixiert zu sein scheint.

Der linke Kämpfer aus Bellifortis 1459, MS Thott.290.2º, 35v

Der Krebs ist nur von vorne zu sehen. Hier trägt der Kämpfer eine zumindest zweiteilige Harnischbrust mit einfacher Flutung auf dem unteren Stück. Bauchreifen mit Beintaschen schützen die oberen Oberschenkel, geschlossene Arm- und Beinröhren schützen die Extremitäten generell. Die Gelenke werden durch Schwebscheiben an den Achseln, Scheiben an den Ellbogen und Flügeln an den Kniebuckeln geschützt. Ringpanzerteile sind nicht zu erkennen.

Der dargestellte Kämpfer trägt einen Plattenhandschuh mit individuellen Fingern (rechts) und einen einfachen rötlichen Handschuh links. Meine Plattenhandschuhe werden dann wohl auf roten Lederhandschuhen aufbauen. Die ungeschützten Füße stecken in rötlichen Schuhen ohne sichtbare Bänder oder Schließen. Das entspricht meinen momentanen Schuhen schon recht gut.

Vorlage 2: Grabmal Hans Fraunbergers

Ergänzend zum Bild aus Talhoffers Fechbuch bzw. Bellifortis soll das Grabmal von Hans Fraunberger vom Haag dienen. Der aus Marmor ausgeführte Grabstein wurde in dessen Todesjahr 1428 geschaffen und befindet sich in der Stadtpfarrkirche Prunn/Riedenburg in Niederbayern.

Grabstein Hans Fraunbergers vom Haag (+1428), Stadtpfarrkirche Prunn, Deutschland

Auch der hier dargestellte Harnisch verfügt über ein moderates Maß an Flutungen an Bauch und Beinzeug. Der Rand eines Ringpanzerhemds oder -rocks ist gerade noch so zu sehen. Die Hände stecken in Plattenhandschuhen mit individuellen Fingern, Scheiben schützen die exponierten Armbeugen. Die Achseln sind von Schwebscheiben bedeckt. Die Ellbogen selbst sind rund und recht unscheinbar, wie es im frühen 15. Jahrhundert noch häufig zu finden ist. Das beißt sich noch am stärksten mit der ins gotisch gehenden Erscheinung der angestrebten Rüstung.

Da der Helm nicht dargestellt ist, ist der darunter getragene Panzerkragen erkennbar. Es scheint sich um einen Kragen aus geschobenen Platten oder genieteten Lamellen zu handeln. Hier werde ich stattdessen Ringpanzer benutzen.

Vorlage 3: Kemptener Klosterchroniken

Kemptener Chronik (‚Karlschronik‘), 1499, BSB Cgm 9470, 87r

Als finale direkte Inspiration dient die „Stiftung des gotzhaus Kempten“ (BSB Cgm 9470), Johannes Birk aus Biberach um 1499 zugeschrieben. Auf Folio 87r findet sich die Darstellung eines Gerüsteten, dessen Harnisch den beiden anderen Vorlagen recht nahekommt. Die Unterschiede sind möglicherweise auf die deutlich spätere Darstellung zurückzuführen und belaufen sich hauptsächlich auf die Länge der Bauchreifen und die fehlenden Scheiben an den Armbeugen. Hauptaugenmerk liegt bei dieser Vorlage auf den Armen. Das Armzeug weist deutlich erkennbare spitze Muscheln an den Ellbogen auf. Diese schwebend verbundenen Elemente stehen in Einklang mit Vorlage 1 und verstärken das (proto-)gotische Erscheinungsbild.

Schlussbemerkung

Die drei Vorlagen dienen als Grundlage, eine volle Rüstung um 1460 herum zu konstruieren, ohne dabei eine Replik anzustreben. Vielmehr soll der Harnisch dem proto-gotischen Bild entsprechen und in seiner Funktionsweise den Rüstungen der Zeit nahekommen. Moderate Flutung an Armen, Beinen und Brust, die zweiteilige Harnischbrust generell und die Schaller mit Bart werden den Eindruck prägen, stelle ich mir vor. Flexibilität soll durch die eher filigranen Komponenten und das schwebende Armzeug erreicht werden.

Der Schutz der Achseln und Armbeugen soll mit Ringpanzerteilen statt eines ganzen Hemds realisiert werden. Diese sind in den Vorlagen kaum bis gar nicht erkennbar, aber in anderen Quellen gut nachweisbar. Dazu werdr ich noch einen eigenen Beitrag machen, sobald die Zeit reif ist. Bis dahin gilt:

Der nächste Besuch beim Plattner ist nicht mehr allzu fern, dann sehen wir mehr 🙂

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